Stromversorgung im Gazastreifen – ein Politikum


Von Klaus Theißing

Strom- und Wassersperren bestimmen den Tagesablauf und an manchen Tagen gibt es nach Medienmeldungen lediglich vier Stunden Strom. Dabei feierte die Hamas im Juni des Jahres den zehnten Jahrestag der Machtübernahme im Gazastreifen mit großem «TamTam» und Freudenkundgebungen. Doch die Stimmung ist mies in der Bevölkerung des Gazastreifens.

2017-07-12-Versorgungslücke-Gaza-web

Täglich fehlen min. 167 MWh im Gazastreifen [1]. Eigene Grafik

Die Versorgung ist verworren: Den großen Teil des Stroms liefert Israel im Auftrag der Palestinserbehörde in Ramallah (Westjordangebiet), die ihn sich von der Hamas in Gaza bezahlen lässt. Diese sind aber nach Auskunft der Palestinenserbehörde derzeit säumig, weswegen Mahmud Abbas, Präsident der Palestinenser, Anfang Juni das Israelische Sicherheitskabinett bat, die Elektrizitätsversorgung um rd. 40 % zu kürzen, die weitere rd. 45 Minuten pro Tag weniger Strom für die Bewohner bedeutet. Oder anders gerechnet: der Bevölkerung steht im Mittel 0,2 kWh/Person pro Tag zur Verfügung, oder 73 kWh/Person pro Jahr. In Deutschland rechnet man je Haushalt 3.500 kWh pro Jahr

Der Strombezug für Gaza und Westbank zusammen kostet die die Palestinenser rd. 40 Mio. Schekel (10 Mio Euro) monatlich. Und nun wird es noch verworrener: Israel zieht (im Auftrag der Palestinenserbehörde) die Steuern im Gazastreifen ein und zieht diese 40 Mio. Schekel direkt von den Steuern ab. Die Palestinenserbehörde fordert das Geld dann wieder von der Hamas ein.

Bedenken und Stimmen: Überraschungen!

Im Kabinett warnten Generalstabschef Eisenkot, der Chef des milit. Aufklärungsdienstes Halevi und der «Koordinator der Regierungsaktivitäten in den Territorien» Mordechai vor der Reduktion der Energielieferung, da er Unruhe und Gewalt verursachen könnte.

Genau wie das Israelische Kabinett argumentiert nun Hamas-Sprecher Abdel Latif al-Kanua: die Maßnahme sei katastrophal und gefährlich. Die Auswirkungen könnten durchaus die Palestinenserbehörde im Westjordanland sowie Israel erreichen.

Die Palestinensische Behörde behauptet, die Hamas könne die Stromrechnungen wohl bezahlen, würde es aber statt dessen für Waffen und neue Tunnel in die Anrainerstaaten ausgeben.

Dabei «brodelt» es noch an anderer Stelle: Mahmud Abbas, führender Politiker der mit der Hamas rivalisierenden Fatah, ist seit Nov. 2004 Vorsitzender der PLO, seit Januar 2005 Präsident der Palestinensischen Autonomiebehörde und seit Nov. 2008 Präsident des Staates Palestina. Seit dem 10. Januar 2009 führt Abbas die Amtsgeschäfte ohne demokratische Legitimierung. [3] Immer wieder bietet er Wahlen für ganz Palestina an, das Volk möge seine Repräsentanten selbst auswählen, was die Hamas jedoch stets ablehnt, da sie eine Niederlage im Gazastreifen befürchtet.

So bleibt es beim ewigen Brudenzwist von Hamas und Fatah.

Gleichwohl hängt (zwischenzeitlich: hing?) die Hamas am Finanztropf von Katar, die unlängst politisch und wirtschaftlich isoliert wurden, weswegen der Hamas nach Medienberichten die Insolvenz drohen könnte.

Israel in der Zwickmühle

Israels Ministerpräsident Netanyahu ist in der Zwickmühle: Bliebe die Stromlieferung konstant, könnte er sich dem Vorwurf der indirekten Terrorfinanzierung der Hamas ausgesetzt sehen. Reduziert er die Stromlieferung hingegen, könnte die Gewalt wieder eskalieren und Hamas und Israel könnten sich wieder feindselig gegenüber stehen.

Um den „gordischen Knoten“ zu durchschlagen, veranlasste Israels Ministerpräsident Netanyahu nach Medienberichten Gespräche Israelischer Beamter mit Ägypten und der EU.

Quellen & weitere Hintergründe

  1. Gaza am Rande des Zusammenbruchs bei israelnetz.com
  2. tagesschau.de
  3. Mahmud Abbas bei Wikipedia
  4. Der Staat Palestina bei Wikipedia
  5. Nach der Veröffentlichung des Artikels erschien in der Neuen Zürcher Zeitung der Bericht: Machtkampf in Palästina – In Gaza stinkt es zum Himmel
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2 Antworten zu Stromversorgung im Gazastreifen – ein Politikum

  1. Pingback: Stromversorgung im Gazastreifen – ein Politikum | Der Ritt auf der Turbinenschaufel

  2. theissing schreibt:

    Nach einer Meldung der Neuen Zürcher Zeitung vom heutigen Tag werden aufgrund der Energieknappheit die Abwässer aus dem Gazastreifen zukünftig ungeklärt in das Mittelmeer eingeleitet. Es sei, so wird der Bürgermeister von Gaza – Nisar Hedschasi – zitiert, nicht genügend Treibstoff zum Betrieb der Kläranlagen vorhanden.

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